Flooding, Habituation und erlernte Hilflosigkeit beim Pferd
Posted in :
Flooding ist kein Training: Warum ein Pferd, das aufhört zu reagieren, nicht automatisch etwas gelernt hat
Was passiert eigentlich wirklich, wenn ein Pferd während einer überwältigenden Konfrontation mit einem Reiz irgendwann aufhört zu reagieren – und wie können wir echtes Lernen von Shutdown, Habituation oder schlicht der Tatsache unterscheiden, dass das Pferd keine Möglichkeit zur Flucht mehr hat?
In letzter Zeit tauchen in meinem Social-Media-Feed immer häufiger Videos von sogenanntem Training auf, bei denen ein Pferd so lange mit einem bestimmten Reiz konfrontiert wird, bis es schließlich aufhört, darauf zu reagieren. Das nennt man Flooding. Von den Trainern selbst und gegenüber ihrem Publikum wird es jedoch häufig als Trainingsmethode erklärt, durch die das Pferd lernen soll, mit der Situation zurechtzukommen.
Aber ist das auch wirklich so?
Lass uns Klarheit schaffen.
Was ist flooding?
Der Begriff Flooding stammt aus der Vorstellung, dass ein Tier regelrecht mit Reizen und Emotionen „überflutet“ wird. Die Emotionen, die in einer solchen Situation entstehen, können für das Tier so überwältigend sein wie eine große Flutwelle für eine flache Küstenlandschaft.
Vor so einer Flut gibt es kein Entkommen.
Und genau das passiert beim Flooding in Trainingssituationen. Das Tier – in unserem Fall das Pferd – wird einem Reiz, einer Handlung oder einem Gegenstand ausgesetzt, der einen hohen Erregungszustand und intensive Emotionen wie Schmerz, Angst oder Panik auslöst. Gleichzeitig wird das Pferd gezwungen, diese Situation auszuhalten, ohne die Möglichkeit zu haben, dem ursprünglichen Auslöser und damit auch den entstehenden Emotionen auszuweichen oder zu entkommen.
Das Ziel dahinter ist, die sichtbare Verhaltensreaktion so lange zu provozieren oder auszuhalten, bis das Tier irgendwann einfach aufhört zu reagieren.
Das ist genauso grausam, wie es klingt. Ich werde das nicht länger im Namen wissenschaftlicher Neutralität, gesellschaftlicher und sozialer Verträglichkeit beschönigen.
In der modernen Verhaltenswissenschaft wird Flooding als Vorgehensweise deutlich abgelehnt, insbesondere aufgrund der erheblichen ethischen und tierschutzrelevanten Probleme.
Schauen wir uns allerdings das Pferdetraining an, ist dieses Vorgehen erstaunlich verbreitet und scheint teilweise sogar populärer zu werden.
Eine typische Situation sieht beispielsweise so aus:
Trainer und Pferd arbeiten vom Boden aus. Der Trainer nimmt eine Flagge – oder einen Wasserschlauch, eine Fliegensprayflasche oder eine Satteldecke – und das Pferd reagiert darauf mit Vermeidungsverhalten. Es tritt zur Seite, hebt den Kopf, wird unruhig oder versucht wegzulaufen.
Der Trainer hält nun Den Führstrick fest und gibt dem Pferd keinen Raum, sich vom Gegenstand zu entfernen. Stattdessen kommt er näher und hält die Reaktion des Pferdes aus, selbst wenn diese zunächst noch stärker wird. Der Gegenstand wird weiter präsentiert, möglicherweise sogar intensiver bewegt oder geschüttelt, bis das Pferd schließlich aufhört, „seine Hufe zu bewegen“.
In genau diesem Moment nimmt der Trainer entweder den angstauslösenden Gegenstand weg oder bleibt mit ihm am Pferd – legt beispielsweise die Satteldecke auf oder lässt die Flagge den Körper berühren.
Anschließend lautet die Erklärung:
„Jetzt, wo das Pferd aufgehört hat zu reagieren, hat es gelernt, keine Angst mehr vor diesem Gegenstand zu haben. Das ursprüngliche Problemverhalten ist damit gelöst.“
Es ist exakt derselbe Prozess, den ich gerade als Flooding beschrieben habe und bei dem wir wahrscheinlich gedacht haben: Wow. Das klingt grausam.
Es klingt nur plötzlich anders, weil wir es „Training“ nennen.
Wenn Nicht-Reagieren mit Entspannung verwechselt wird
Die psychischen Folgen von Flooding, zu denen unter anderem erlernte Hilflosigkeit gehören kann, verschwinden nicht dadurch, dass wir den Vorgang Training nennen.
Der Zustand eines Pferdes, das irgendwann nicht mehr sichtbar reagiert, wird häufig als Shutdown bezeichnet. Der Begriff beschreibt, was im Inneren des Organismus passieren kann, obwohl von außen kaum noch Verhalten zu beobachten ist.
Das Nervensystem fährt herunter.
Wenn du dich schon einmal etwas mit Biologie beschäftigt oder Naturdokumentationen gesehen hast, erkennst du vielleicht was Shut Down für ein Lebewesen bedeutet.
In dem Moment indem die Löwin die Antilope greift, weiß diese, dass es keinen Ausweg mehr gibt.
Die Antilope akzeptiert ihr Schicksal, gibt den Kampf aus und ist bereit zu sterben.
Oder anders formuliert: Der Organismus kann unter extremem Stress in einen Zustand starker Immobilität und reduzierter Reaktionsfähigkeit wechseln, wenn aktive Flucht oder Gegenwehr nicht mehr möglich erscheinen. Aufmerksamkeit, Bewegung und andere Körperfunktionen, wie Darm-Aktivität und Herzrate, können sich dabei deutlich verlangsamen.
Und auch hier möchte ich nichts mehr beschönigen. Wenn wir bestimmte Trainingsmethoden beurteilen wollen, müssen wir bereit sein, uns auch mit ihren möglichen Folgen auseinanderzusetzen.
Ist jede Konfrontation mit Angst automatisch Flooding?
Nein. Zum Glück sind Nervensysteme belastbar und können mit kurzfristigem Stress ziemlich gut umgehen. Das gilt für uns genauso wie für andere Säugetiere, denn grundlegende biologische Mechanismen teilen wir miteinander.
Der entscheidende Unterschied liegt vor allem darin, wie eine Situation gestaltet wird.
Kann das Pferd ausweichen? Kann es Abstand vergrößern? Kann es Nein sagen? Wird seine emotionale Reaktion wahrgenommen? Bleiben wir unterhalb oder zumindest in der Nähe seiner individuellen Stressschwelle, anstatt immer weiter darüber hinauszugehen?
Erlernte Hilflosigkeit und Shutdown können insbesondere dann entstehen, wenn ein Pferd wiederholt erlebt, dass es keinerlei Einfluss auf eine Situation hat und einem belastenden Reiz weder ausweichen noch entkommen kann – während dieser Reiz bestehen bleibt oder sogar stärker wird.
Das kann bedeuten, dass ein Pferd angebunden, festgehalten oder räumlich eingeschränkt wird, während gleichzeitig starke Angst oder andere intensive Emotionen ausgelöst werden.
Und das betrifft nicht nur Bodenarbeit. Auch unter dem Sattel kann ein Pferd in einen Shutdown geraten – beispielsweise durch dauerhaft starken Zügeldruck, massive Einwirkung oder den Einsatz von Sporen.
Wie schnell, wie stark und in welcher Form ein Pferd in den Shut Down kommt, hängt stark von der jeweiligen Situation ab: von der Intensität und Härte der Einwirkung, von der Persönlichkeit des Pferdes und von den Erfahrungen, die sein Nervensystem zuvor mit ähnlichen Situationen gemacht hat.
„Aber wie sollen unsere Pferde dann lernen, mit Dingen umzugehen, vor denen sie Angst haben? Wir können sie doch nicht immer ausweichen lassen.“
Ein berechtigter Einwand. Wir leben in der realen Welt. Und viele Dinge, mit denen Pferde in unserem Alltag konfrontiert werden, können irgendwann Angst auslösen.
Wir tragen durchaus die Verantwortung dafür, unseren Pferden zu helfen, mit solchen Situationen sicherer umgehen zu können.
Die moderne Verhaltenswissenschaft stellt uns dafür Methoden zur Verfügung, die ethisch vertretbar, wissenschaftlich nachvollziehbar und wirksam sind.
Viele Pferdemenschen – und leider auch viele Trainer – kennen sie schlicht nicht, weil sie sich nie intensiver damit beschäftigt haben.
Diese Methoden unterscheiden sich teilweise deutlich von traditionellen Vorgehensweisen im Pferdetraining. Auf den ersten Blick wirken sie manchmal weniger spektakulär, weil wir Menschen stark auf sichtbare Ergebnisse konditioniert sind. Echte Habituation sieht häufig ziemlich langweilig aus. Sie findet in kleinen, unspektakulären Schritten statt.
Letztendlich wollen wir unsere Pferde an Reize gewöhnen, die zunächst oder instinktiv beängstigend wirken. Oder wir möchten eine bereits entstandene Sensibilisierung wieder reduzieren – beispielsweise nachdem ein Pferd durch ungünstiges menschliches Handeln oder bestimmte Erfahrungen gelernt hat, auf einen Reiz immer stärker zu reagieren.
Dafür müssen wir zunächst verstehen, wie das Nervensystem funktioniert.
Sonst können wir selbst mit guten Absichten Schaden anrichten.
Habituation bedeutet, einen Organismus wiederholt einem Reiz auszusetzen, der dabei keine relevante Bedrohung darstellt, bis dieser Reiz zunehmend als unwichtig eingeordnet wird.
Eine reduzierte sichtbare Reaktion durch Flooding zu erzeugen, ist nicht dasselbe.
Wie sieht gutes Gewöhnungs- und Expositionstraining stattdessen aus?
Im Grunde lässt sich gutes Expositionstraining mit Pferden auf acht Punkte herunterbrechen:
- unterhalb oder im Bereich der individuellen Stressschwelle arbeiten
- dem Pferd ermöglichen, Informationen zu sammeln
- den Reiz in kleinere Bestandteile zerlegen
- beobachten, wie gut und wie schnell sich das Pferd wieder reguliert
- dem Pferd Einflussmöglichkeiten und Handlungsspielraum geben
- gewünschte Reaktionen sinnvoll verstärken
- die Schwierigkeit schrittweise steigern
- zwischen bloßem Aushalten und tatsächlichem Gewöhnen unterscheiden
Allein mit diesen Grundpfeilern fairen Trainings lassen sich bereits viele Trainingsansätze hinterfragen, die wir täglich in sozialen Medien von bekannten wie unbekannten Trainern sehen.
Schauen wir uns dazu ein praktisches Beispiel an.
Vorweg etwas Ehrlichkeit: Ich habe meinen ängstlichen Wallach nach schwierigen Erfahrungen wieder sehr weit von Trauma in Richtung Vertrauen begleiten können.
Eine Sache habe ich allerdings bis heute nicht mit ihm aufgearbeitet: Fliegenspray.
Sol hat echte Angst davor, angesprüht zu werden. Das weiß ich schon länger. Bisher bestand mein Umgang damit hauptsächlich darin, Sprays einfach zu vermeiden, weil weder Zeit noch wirkliche Notwendigkeit bestanden, daran etwas zu ändern.
Mit zunehmend heißen und trockenen Sommern könnte es allerdings sinnvoll werden, das Thema anzugehen, damit ich ihm zumindest zeitweise etwas mehr Komfort ermöglichen kann.
Wenn ich Sol wieder an Fliegenspray gewöhnen wollte, würde ich folgendermaßen vorgehen:
Zunächst würde ich eine Sprühflasche ausschließlich mit Wasser füllen. So kommt nicht zusätzlich zu dem visuellen und akustischen Reiz auch noch der ungewohnte Geruch eines Fliegenschutzmittels hinzu. Für den Anfang sind Flasche und Sprühgeräusch als Reiz schon genug.
Dann würde ich die Flasche einfach in der Hand halten – zunächst ohne jede Absicht, sie zu benutzen – und beobachten, wie Sol allein auf diesen visuellen Reiz reagiert.
Wie nah kann ich ihm mit der Flasche kommen?
Dabei finde ich heraus, wo ungefähr seine individuelle Schwelle zur echten Angst liegt – also die Grenze, die ich zunächst nicht überschreiten möchte.
Er darf die Flasche misstrauisch beobachten. Er darf sie im Auge behalten und anschnauben. Aber er sollte weiterhin neugierig bleiben können und nicht versuchen müssen zu fliehen. Das ist die Grenze.
Vielleicht liegt sie einen Meter vor ihm. Vielleicht zwei Meter. So fangen wir an.
Ich bezeichne diesen Bereich auch gerne als Übergang von Grün zu Gelb (wie im Ampelsystem, wo wir Rot immer meiden).
Mein erstes Ziel wäre nun, dass Sol sich allein an die Anwesenheit der Sprühflasche gewöhnt und sich von seiner ersten emotionalen Reaktion auf ihr Erscheinen wieder erholen kann (von Gelb zu Grün).
Ich könnte die Flasche in seiner Umgebung bewegen oder an verschiedenen Orten positionieren an denen er sie sehen kann, ohne sich von ihr bedroht zu fühlen. Wahrscheinlich würde ich diese Vorrangehensweise zusätzlich mit positiver Verstärkung begleiten.
Wenn ich merke, dass die bloße Anwesenheit für ihn kein großes Thema mehr ist und er auch damit umgehen kann, dass ich die Flasche bewege, würde ich ihm ermöglichen, aus eigener Neugier Kontakt mit der Flasche aufzunehmen.
Vielleicht möchte er sie berühren, wenn sie auf dem Boden liegt, anstatt dass ich sie in der Hand halte. Denn dass ich die Flasche halte, könnte in seinem Gehirn bereits stark mit dem tatsächlichen Ansprühen verknüpft sein und damit seine Stressschwelle überschreiten.
Wenn er freiwillig mit der Flasche interagiert, kann ich das positiv verstärken.
Und so machen wir einfach weiter. Schritt für Schritt wird die Schwierigkeit erhöht, bis ich die Flasche irgendwann in seiner Nähe halten kann, während er weiterhin entspannt, aufmerksam und vertrauensvoll bleibt.
Wann immer er sich während dieser wahrscheinlich zahlreichen Trainingseinheiten zurückziehen möchte oder Anzeichen von Überforderung zeigt, würde ich meine Anforderung wieder reduzieren und zu einem späteren Zeitpunkt in einer leichteren Situation weiterarbeiten. Dabei beobachte ich seine Körpersprache genau.
Ich möchte sicherstellen, dass er weiterhin aktiv beteiligt und mental präsent ist – anstatt sich innerlich zurückzuziehen und die Situation nur noch zu ertragen.
Manchmal geht dieser Prozess deutlich schneller als erwartet. Manchmal braucht er mehr Zeit.
Keine feste Deadline für Verhalten zu haben, hilft enorm dabei, fair und strukturiert zu bleiben. Und genau das ist etwas, das wir Menschen immer selbst entscheiden können.
Unabhängig davon, welchen Trainingsweg du mit deinem Pferd gehst oder welche Methode du bevorzugst, können dir einige Fragen helfen zu überprüfen, ob du während des Trainings weiterhin auf der Seite deines Pferdes stehst:
Kann sich das Pferd frei bewegen?
Besteht beispielsweise kein dauerhafter Druck auf dem Führseil?
Untersucht das Pferd die Situation freiwillig?
Ist noch Neugier vorhanden – also aktives Seeking und damit überhaupt die Fähigkeit, neue Informationen aufzunehmen?
Wie schnell erholt sich das Pferd?
Was sagt das über seinen tatsächlichen Zustand im Nervensystem aus?
Nehmen Anzeichen von Anspannung über mehrere Wiederholungen hinweg ab – oder werden sie stärker?
Überträgt sich die Reaktion auf andere Umgebungen?
Wie erlebt das Pferd denselben Reiz in einer anderen Situation?
Was passiert, wenn die Begrenzung wegfällt?
Das ist einer der entscheidendsten Tests: Wie verhält sich das Pferd, wenn es frei entscheiden kann, ob es sich weiter mit dem Reiz beschäftigt?
Nimmt das Pferd freiwillig erneut Kontakt auf?
Wenn du mehr darüber lernen möchtest, wie Pferde ihren inneren Zustand über Körpersprache kommunizieren und wie echtes Lernen bei ihnen aussieht, widmet Understanding Equus einen großen Teil seiner Kapitel über Lernen und Psychologie genau diesen Fragen.
Denn das, was wir von außen sehen, ergibt erst dann wirklich Sinn, wenn wir verstehen, wie Pferde ihre Umwelt wahrnehmen, wie sie lernen und wie sie darauf reagieren.
Lerne zuerst, wie Pferde tatsächlich wahrnehmen, lernen und kommunizieren – bevor du dich für eine Trainingsmethode entscheidest.